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Oliver Plein

Oliver Plein sagt greetings

Jede Arbeit beginnt mit einem Wort, die Summe der Worte ist aber nicht ein Konzept: Zentral in meiner Arbeit ist die Sprache, die in einem dialektischen Verhältnis zu Material und Visuellem beziehungsweise Plastischem steht. Das eine (Sprache) bedingt das andere (Material) und umgekehrt und das in konstanten Iterationen: Sie arbeiten sich aneinander ab, bedingen und bestimmen sich gegenseitig und setzen sich gegenseitig voraus (etwa wie in einer dialektischen Ausprägung von Saussures sprachlichem Zeichenbegriff und dem Referenten).

Meine Arbeiten bedienen sich der Sprache auch, aber nie nur als inhaltlichem Bedeutungsträger, das heisst immer auch als eigenen, materialästhetischen, literatur- und sprachwissenschaftlichen Gegenstand.

Wieso? Sehr zentral ist für mich die Auseinandersetzung mit Sprache und sprachlichen Zeichen als Instrumenten für das Abrufen und die Fixierung von Erinnerung (mit den anthropologischen Konstanten von linearer Betrachtung von Zeit, ‘rückwärts’ gerichtet ist das Erinnerung, und der narrativen Natur unserer Kommunikation). Bedeutend sind aber eben nicht nur Wörter in einer Summe als zusammenhängend (bedeutungstragende) Texte, sondern auch das Wort im Einzelnen, bis auf die kleinsten Bedeutungseinheiten, Sememe, Seme, der Einfluss der Affixe, die Sezierung des Stamms, die Etymologie, Denotation, Konnotation, Assoziation, semantischer Ambiguität, Aktualisierung im Kontext, dann aber auch Phonetik, Rhythmik, Takt. Diese Auswahl und vieles mehr auf der sprachlichen Seite bestimmt die iterative materiale (visuelle/plastische) Übersetzung, und ist gleichzeitig von ihr bedingt.

Zentrales Leitmotiv ist die Auseinandersetzung mit ‘Erinnerung’, paradigmatisch in der Institution ‘Familie’, eng verknüpft mit den anthropologischen Konstanten eines linearen Verständnisses von Zeit (was eine Voraussetzung für den Erinnerungsbegriff generell ist und für ein ‘zurück’ oder ‘früher’) und der narrativen Natur menschlicher Kommunikation. Dabei ist nicht nur der Begriff er_inner_ung, oder das Konzept ‘Erinnerung’, sondern auch eigentliche Inhalte persönlicher Erinnerung Gegenstand sprachlicher auseinander_setzung.

Im Dialog mit dieser sprachlichen Seite der Wechselbeziehung entsteht der andere Teil der Arbeit, der Visuelle beziehungsweise Plastische, in dem übersetzt wird, wie sich die (sprachlich behandelte, narrativ fixierte, zeitlich verortete) Erinnerung innerhalb der Institution Familie in eine Erinnerungsdoktrin verwandelt und sich im Körperlichen manifestiert (visuell/plastisch), das heisst wie die Narration der Erinnerung innerhalb der Institution, aber auch gegen aussen, zum eigenen Identitätsgerüst (‘Erinnerungskörper’) wird, im und vom Körper getragen wird und diesen (ver-)formt, sinnbildlich inkorporiert.

Beispiel- und modellhaft setzt sich die Arbeit im Video unten mit drei Ebenen auseinander: den narratologischen Ebenen von histoire (Stoff) und discours (‘Text[ur]-Oberfläche’) und zusätzlich liegt die dahinter die Erinnerungsebene.

Sprachliche Komponenten in dieser Arbeit, die Ethymologie des Begriffs ‘Text’ (Text fixiert Erinnerung):

  • Text (Erinnerungsnarration, Textoberfläche (discours), Textinhalt (histoire)
  • textus (lat. Aufeinanderfolge, Zusammenhang, fortlaufende Darstellung, eigentlich: Gewebe, Geflecht)
  • texere (lat. weben, flechten, zusammenfügend verfertigen)
  • Folie
    Die automatisierte Folie ist ein sprachlicher Gemeinplatz, auf deren Basis Verfremdung stattfinden kann (vgl. Brecht oder russische Linguisten) oder auch nicht.

Im materialen Sinn kann sie eine Klarsicht- oder sonstige Folie sein.

Materiale Komponenten der Arbeit:

  • Klarsichtfolie
  • Text_ile Ausgestaltung: Wolle (vgl. textus ‘Geflecht’ und textere ‘weben, flechten, zusammenführend verfertigen’)
  • Schichtung im Raum: Die Bewegung (lineares Zeitverständnis) der Betrachtenden um das Objekt von der Seite zur Mitte (vgl. Video) ermöglicht die Beobachtung des Prozesses der Inkorporation der narrativen Ebenen (die drei ‘Folien’ Erinnerung, histoire und discours) in einen Körper